Historisches aus dem Musik-Kreis

Lübecker Nachrichten v. 23. Dezember 1997 

Wenn Bachs Töne wie die Bälle hüpfen

Von HEINZ KIESBAUER
LAUENBURG - Am vergangenen Sonntag wurde die neue Kunstgattung eines "Lauenburger Weihnachtsoratoriums" geschaffen: Johann Sebastian Bach ging turnen. Er ließ die Töne seiner Komposition wie Bälle hüpfen, sie sprangen über Bock, Pferd und Kasten, kletterten an Stangen empor, schlugen Purzelbäume und spielten Fangen.
Mit anderen Worten: Johann Sebastian Bach nutzte die die Gegebenheiten der Turnhalle in der Lauenburger Hasenbergschule professionell und souverän, er ließ sich von ungewohnten äußeren Bedingungen nicht beirren und schon gar nicht aus der Ruhe, geschweige aus der Ordnung bringen. Schließlich war das ja auch eine Weihnachtsgeschichte: Sie
 fanden keinen Platz in der Herberge, also nahmen sie mit einem Stall vorlieb. Und so krass war es zudem gar nicht: Als einen Stall kann man die Turnhalle der Hasenbergschule wirklich nicht bezeichnen.
Die Halle war mit einfachen Mitteln geschmackssicher dekoriert und geschmückt worden, und Chor und Musiker in ihrer festlich-schlichten Kleidung bildeten im profilierenden Seitenlicht ein Bild der Würde, die der Kunst des Komponisten den angemessenen Rahmen verlieh - auch wenn, wie ein kleiner Esel im Stall von Bethlehem, ein Basketball-Korb um die Ecke lugte, als wolle er alle Töne dieser Musik auffangen und aufs Punktekonto nehmen.
Johann Sebastian Bach in der Turnhalle - das war zunächst beklagt worden. Als das Publikum den weiten Raum betrat, schreckte ein Geräusch, das feierliche Stimmung nicht aufkommen lassen wollte. Eine Stätte, die an schweißtreibendes Geschehen gewöhnt ist, muss für Frischluft sorgen. Das kann man hören. Aber das Belüftungsgebläse lässt sich abstellen. Und als dann der Chor machtvoll zu jauchzen und zu frohlocken begann, war der Raum in Sekundenschnelle voller Bach, und der Raum war nur noch ein Hauch firnishafter Hülle, ein Hauch, den Dunkelheit verdrängte, und alle vergaßen ihn ...